Die erste Frage, die sich mir stellt, wenn ich über Songwriting nachdenke, ist die Frage nach dem „Warum“. Warum schreiben wir eigentlich Songs?

Erstmal ist da natürlich das Bedürfnis nach Selbstausdruck, das wahrscheinlich jeder Mensch auf irgendeine Art hat. Egal, ob es über Kleidung, Besitz oder einfach die Art des Umgangs mit anderen ist. Was unterscheidet jetzt die Kunst von anderen Formen des Selbstausdrucks?

Die besondere Qualität der Kunst ist nach meinem Empfinden, dass es durch sie möglich ist, Emotionen in eine Form zu bringen. Dadurch wird die Emotion sicht-/hör-/fühlbar und lässt sich mit anderen Menschen teilen. Gute Kunst ist keine Selbstdarstellung sondern eher Selbstoffenbarung. Durch die Kunst können Kunstschaffende zeigen, was sie empfinden, wenn sie auf die eine oder andere Art mit der Welt in Kontakt treten. Im Guten wie im Schlechten und am Interessantesten natürlich in all den verschiedenen Zwischentönen. Menschen können sich damit verbinden, sich dadurch selber entdecken, sich identifizieren. Vielleicht macht Kunst auch Dinge sichtbar oder spürbar, die man ganz tief in sich vergraben hat.
Für Kunstschaffende ist es das Größte, wenn ihre Kunst einen Widerhall in anderen Menschen findet. Vielleicht geht es dabei um Anerkennung für das eigene Schaffen oder die eigene Person, vielleicht aber auch um die Verbindung zu anderen Menschen.
Speziell bei live aufgeführter Kunst ist diese Verbindung spürbar, eine Resonanz des Publikums, eine Stimmung im Raum, eine Reaktion auf Inhalte, Melodien und überraschende Wendungen. Wenn das mit einem Song gelingt, hat es etwas unglaublich Verbindendes und Gemeinsames, auch für die Person(en) auf der Bühne. Es ist auch ein bisschen wie eine eigene Sprache, mit der man manchmal Dinge teilen kann, über die man im Alltag eher nicht spricht.

Natürlich ist der Prozess des Songwritings selbst auch eine (manchmal sehr intensive) Form, sich mit eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen. Indem man sie formuliert und in eine Form bringt, wird einem selber oft vieles klarer. Man bringt ein Stück weit Ordnung in den eigenen Kopf, ähnlich wie bei einer Therapie. Zumindest dann, wenn man sich aus einer intrinsischen Motivation heraus mit dem jeweiligen Thema auseinandersetzt. Einen Song über ein schwieriges oder sehr emotionales Thema aus dem eigenen Leben, egal wie eindeutig oder abstrakt er geschrieben ist, kann für die Songschreibenden selbst eine heilende Wirkung entfalten. Wie Sven Regener gesagt hat: „Nur in der Kunst ist das Traurige schön“. Man hat etwas geschaffen, das beim Spielen schön und tröstend sein kann.

Ich habe selbst Songs geschrieben, die mit dem Schreiben und vor mich hin spielen ihren Zweck bereits erfüllt hatten, weil ich mich dadurch mit Dingen versöhnt habe, die in meinem Leben passiert sind. Manches ist nur für einen selber, manches wird noch schöner, wenn man es mit der Außenwelt teilt und gemeinsam etwas fühlt. Jan Plewka (u.a. Sänger und Texter von SELIG) meinte mal in einem Workshop sinngemäß, ein guter Song schaffe eine Schnittmenge zwischen dem Innen und dem Außen. Diese Aussage ist hängengeblieben und ich kann sie vollends teilen. Die Songs sind ein Weg, über den mein Innerstes mit der Welt in Kontakt treten kann. Und Dinge gemeinsam zu fühlen und zu erleben.

Soweit erstmal für heute.
Bis zum nächsten Mal
Stefan

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